Deutsche Kameraindustrie

Zeit im Bild

Noch heute gilt „Made in Germany“ als Gütesiegel, denn es verweist auf fundierte Ingenieurskunst und gut ausgebildete Arbeiter. FOTOHITS erinnert an eine Erfolgsgeschichte.

Nachdem der Franzose Joseph Nicé­phore Niépce 1826 das erste Lichtbild hergestellt hatte, herrschte hierzulande noch lange Finsternis. Die deutschen Fürstentümer waren zersplittert und rückständig, während Frankreich und England zu den technisch fortgeschrittenen Nationen gehörten. Zu Recht kritisierte der Nationalökonom Friedrich List, dass die eigene Volkswirtschaft als „Wasserträger und Holzhacker der Briten“ enden würde. Nur punktuell taten sich Physiker wie Joseph von Fraunhofer hervor, der schon seit 1810 hochwertige optische Gläser produzierte.

Wirtschaftswunder

Das Hauptwerk von Carl Zeiss in Jena im Jahr 1908.

Ab 1850 nahm die Wirtschaft an Fahrt auf und eine Innovation jagte die nächste. Das verdankte sie unter anderem der engen Verschränkung von Wissenschaft und Industrie. Ludwig Seidel etwa entwickelte 1866 ein bahnbrechendes Formelsystem, das die Objektivkonstruktion erleichterte. Bis dahin war man auf Versuch und Irrtum angewiesen, jetzt konnten gezielt hochleistungsfähige Optiken entwickelt werden. Ab zirka 1871 publizierte auch Ernst Abbe seine Abhandlungen, die große Fortschritte für Linsenkonstruktionen bei der Firma Carl Zeiss brachten. Katharina Schreiner schreibt in „Carl Zeiss. Ost und West. Geschichte einer Wiedervereinigung“ etwa: „Der Zeiss hat zum Beispiel ein Mikroskop, was ihm nicht gefiel, auf den Amboss gelegt und zerschmettert. Und gesagt: Bei Zeiss wird kein Pfusch gemacht. Merkt Euch das!“

Allerdings muss hier auch der Wiener Mathematikprofessor und Physiker Joseph Max Petzval (1807 bis 1891) erwähnt werden, dessen Linsendesign von 1840 deutsche Hersteller wie Hugo Adolph Steinheil (1832 bis 1893) für sich anpassten. Neue Möglichkeiten der Konstruktion und Glasherstellung ließen den Objektivmarkt förmlich explodieren.

  • In den späten 1880er Jahren kamen statt nur flachen oder gleichmäßig gekrümmten Linsen neue Formen heraus.
  • Außerdem entstanden richtungsweisende Linsen-Triplets, die eine zunehmende Abbildungsqualität, -schärfe und Lichtstärke ermöglichten.

In diesem Protar-Objektiv von Zeiss waren fünf Linsen angeordnet. Bild: Cezar Popescu, Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en" target="_blank">Creative Commons</a>

Um 1875 machte sich Otto Schott mit der Herstellung optischer Spezialgläser einen Namen. Nachfolgend konnte ihn der Physiker Ernst Abbe dazu gewinnen, 1884 eine Fabrikationsstätte in Jena zu errichten. An ihr war Carl Zeiss zusammen mit seinem Sohn Roderich beteiligt. Aus dieser Fabrikation kam 1890 das von Paul Rudolph konstruierte Protar-Objektiv. Es bestand aus vier (später bis zu acht) miteinander kombinierten Linsen, die einen so genannten Anastigmaten bildeten – den ersten seiner Art. Er erlaubte eine maximale Blendenöffnung von f6,3, was eine erfreuliche Steigerung der Lichtstärke bedeutete.

Um 1866 entwickelte Hugo Adolph Steinheil ein Objektiv, das aus symmetrischen Menisken bestand (bei ihnen ist eine Seite nach innen, die andere nach außen gewölbt). Später verbesserte er seine Erfindung zum so genannten Aplanat.

Ein großer und heute fast vergessener Mann muss ebenfalls erwähnt werden: Josef Rodenstock. Er stieg ab 1877 in das optische Geschäft ein. Noch bis zum Jahr 2000 blieb „Rodenstock“ ein angesehener Name in der Fotobranche, etwa dank Objektiven für Fachkameras namens Sironar, Apo-Ronar oder Grandagon sowie der digitalen Fachkamera „Apo-Sironar digital“.

Unter den unzähligen Verbesserungen dieser Objektivdesigns ragen zwei heraus. Der Anastigmat „Ernostar“ der Ernemann-Werke in Dresden gehört zu den berühmtesten Linsenkonstruktionen der Fotografiegeschichte. Mit einer erstaunlichen Lichtstärke von 1:2 (später 1:1,8) war es das weltweit beste serienmäßig gefertigte Objektiv seiner Art. Ab 1922 meldete es Ernemann zum Patent an, ab 1924 brachte es die Firma unter anderem an der Ermanox-Kamera auf den Markt.

Ein weiterer Meilenstein markierte die verbesserte Linsenbeschichtung, die 1934 gelang. Alexander Smakula, ein Angestellter bei Zeiss, entwickelte so genannte Antireflexionsschichten. Es behob ein konstruktionsbedingtes Grundproblem: Die eingebauten Linsen erzeugten gegenseitige Spiegelungen. Je mehr hintereinander saßen, desto schlimmer war der Effekt. Acht Linsen galten gemeinhin als Maximum, doch Smakulas Erfindung bereitete den Weg für mehrlinsige Objektive, die Bildfehler noch besser minimierten als herkömmliche Konstruktionen. Ein Beispiel hierfür ist das Superachromat, das für vier Wellenlängen korrigiert ist und Schärfe bis hin zur Beugungsgrenze liefert.

Die Chemie stimmt

Autochromes Bild, fotografiert zwischen
1907 und 1915 von Robert Demachy.

Zwei wesentliche Motoren für die Industrialisierung waren die elektrotechnische und die chemische Industrie. Letztere lieferte neben besserem Dünger auch Filme für Kameras. Die Nachfrage stieg parallel zu der Verbreitung der Fotografie.

Noch bis 1890 schleppten Profis ihre Holzkästen herum, die sie mit selbst beschichteten Glasplatten bestückten. Ihnen kam die „Dr. Carl Schleussner Fotochemie“ (später ADOX) entgegen. Sie stellte anfangs fotografische Trockenplatten her, die im Gegensatz zu Nassplatten nicht direkt vor der Aufnahme beschichtet und dann verbraucht werden mussten. Ab 1903 führte die Firma einen Rollfilm ein, der Zelluloid als Trägermaterial nutzte, eine Erfindung des amerikanischen Geistlichen Hannibal Goodwin von 1887.

In Deutschland begann 1896 die deutsche Aktien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation (kurz AGFA), Planfilme herzustellen, ab 1900 stellte sie Rollfilme im industriellen Maßstab her. Allerdings konkurrierte sie mit dem mächtigen US-Konzern „The Eastman Kodak Company“, dem sie nicht lange standhielt. Bereits nach fünf Jahren wurde die Produktion eingestellt und erst 1915 gelang es in einem zweiten Anlauf, sich auf dem Markt zu behaupten.  

Die Ehre, die Fotowelt bunter gestaltet zu haben, kann man neidlos insbesondere den Franzosen zugestehen. Nach diversen frühen Experimenten brachten 1907 die Brüder Lumière die „Autochromen Kornrasterplatten“ heraus. Sie waren vergleichsweise einfach benutzbar und lösten einen ersten Boom in der Farbfotografie aus. Seinen Beitrag hierfür leistete 1912 Dr. Rudolf Fischer aus Berlin. Er ließ sich seine Ideen für so genannte „Farbkuppler“ durch deutsche Reichspatente schützen, konnte sie aber nicht kommerziell umsetzen.

Später lieferten sich Deutsche und Amerikaner immerhin ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die ersten Dreischichtenfilme wurden 1935 von Kodak und dann 1936 von Agfa in großem Stil produziert.

Auge der Welt

Bilora Bella, zirka 1955, Foto: Rainer Knäpper, <a href="http://artlibre.org/licence/lal/en/" target="_blank">Free Art License</a>

Glich die deutsche Objektivindustrie einem blühenden Garten, so bildeten die Kamerafirmen einen Wildwuchs. Zuerst taten sie sich mit kleinen Neuerungen hervor, beispielsweise ließ sich Ottomar Anschütz um 1888 den Schlitzverschluss patentieren. 

Zur Legende wurde bald die erste Kleinbildkamera von Oskar Barnack, einem Mitarbeiter der Optischen Werke Ernst Leitz in Wetzlar. Er entwickelte 1913 die Leica und präsentierte sie 1925 auf der Leipziger Frühjahrsmesse. Die kleine Konstruktion befreite Fotografen von der Last ihrer riesigen Fachkameras und gab ihnen neue gestalterische Freiheiten.

Der größte Konkurrent blieb über Jahre hinweg Carl Zeiss. Seine 1933 vorgestellte Messsucherkamera Contax I besaß ein versenkbares Objektiv, erlaubte kürzere Verschlusszeiten und einen schnelleren Filmwechsel als die Konkurrenz. Im selben Jahr startete die Firma Ihagee mit der Konstruktion der ersten Spiegelreflexkamera für das Kleinbildformat: der Kine-Exakta aus Dresden. Sie war ab 1936 erhältlich. Das Mittelformat breitete sich verstärkt ab 1928 aus, als die Braunschweiger Firma Franke & Heidecke die Rolleiflex auf den Markt brachte. 

Bereits ab 1916 zeichnete sich eine anschwellende Flut von preiswerten Box-Kameras ab: Ernemanns Film-K-Modelle, die Onix von Ica ab 1924, es folgten vergessene Firmen wie Goerz, ESPI, Balda, Eho, Beier, Certo, Bilora und andere. Nicht zuletzt auch die legendäre AGFA „Preis-Box“, von der 1932 etwa 90.000 Exemplare verkauft wurden.

Das Journal „Die Zeit“ von 1947 zitiert Adolf Oehme, Direktor bei Voigtländer & Sohn A. G. Mit den Worten: „Deutsche Kameras sind in der Welt immer beliebt gewesen. Sie wurden vor dem Kriege nach nahezu allen Ländern der Erde exportiert. Der Wert dieses Exports belief sich 1938 auf rund 31 Millionen Reichsmark.“

Neuanfänge

Während des Zweiten Weltkriegs brach die deutsche Fotoindustrie zusammen. Ab 1948 schoben wieder die Boxkameras die Produktion an, wobei ob­skure Namen wie Vredeborch, Friedrich Linden, Karl Foitzik, Heinz Kilfitt („Robot“) oder ADOX auftauchten. Insgesamt entstanden in Westdeutschland rund 70 neue Kamerafabriken.

Aus den Wirren des Kriegs stieg auch ein Erfolgsmodell hervor, dass ebenso winzig wie erfolgreich war. Der umtriebige Erfinder Walter Zapp hatte schon 1936 in Estland eine Kleinstbildkamera entwickelt. Er wollte ein Gerät, die in jede Hosentasche passte, aber trotzdem funktional gestaltet war. Das erste Design bestand aus einem schwarzen Holzklötzchen, später wurde daraus die legendäre Minox. Sie kostete damals umgerechnet rund 150 Euro, angeblich lagen bereits 1938 zirka 100.000 Bestellungen aus den USA vor. Doch kam es nicht soweit, da Zapp am Ende des Zweiten Weltkreis vor der Roten Armee fliehen musste und schließlich im hessischen Wetzlar landete. Dort gründete er mit seinem Freund Richard Jürgens die Minox GmbH. Ab 1948 liefen die ersten Minox-Kameras „Made in Germany“ vom Band, und versorgten die Spione des Kalten Kriegs – gespielte wie James Bond ebenso wie echte KGB-Agenten – mit Bildern.

Während einer Expedition zum „Dach der Welt“ hielt Helfried Weyer, der durch seine Sahara-Reisen und Lichtbildvorträge bekannt wurde, das Himalaya-Dreigestirn Mount Everest, Lhotse und Nuptse in Panoramafotos fest. Drei gekoppelte Leica M 4-Kameras lieferten die Breitwanddias. Foto: piv/Leitz

Scheitern & Chancen

Futuristisches Fünfauge: Die Sonnenbrille
schützt das Auge des Fotografen, das Fernglas
von Zeiss überbrückt die Ferne und das
langbrennweitige Teleobjektiv holt die
entfernten Motive heran. Foto: piv/Zeiss Ikon

Unter den großen Namen dominierten bis in die 1960er Jahre Franke & Heidecke (später Rollei), Voigtländer, Leica, Contax, Ihagee, Edixa mit seinen SLR-Modellen, Ernemann (später Zeiss Ikon), Agfa, Zeiss, Schneider-Kreuznach und Rodenstock den weltweiten Markt. Wie schon Anfang des 19. Jahrhunderts zeichneten sie sich neben der Massenproduktion durch kleine, technisch hervorragende Serien aus. Noch immer profitierte man von dem Wissen, das vor dem Krieg den Vorsprung sicherte. 

Gewöhnlich ging man arbeitsteilig vor: Die einen Firmen entwickelten hochwertige Bodys, die anderen ebensolche Objektive. Hier war auch Platz für kleine Wettbewerber wie etwa die Firma Steinheil in München, die ab 1948 Jahren die ausgezeichnete „Casca“ auf den Markt brachte. Sie übertraf bezüglich Ausstattung viele Modelle ihrer Zeit: Sie besaß einen Messsucher, einen verstellbaren, eingespiegelten Sucherrahmen, erlaubte dank Schlitzverschluss Belichtungzeiten von 1/2 bis 1/500 Sekunde und ließ Wechselobjektive per Schnellanschluss anbringen.

Unheil tauchte bereits etwa ab 1950 aus dem Osten auf: Ricoh gehörte zu den ersten japanischen Kameraherstellern, die extrem hohe Stückzahlen zu kleinen Preisen verkauften. Von der Ricohflex III TLR verließen in Spitzenzeiten etwa 20.000 Einheiten pro Monat das Werk. Der Rest ist Geschichte. Doch die kleinen, feinen Hersteller gibt es hierzulande noch immer.